"Die Lehre ist ein starkes Fundament"
Warum die heimische Industrie viel Geld und Engagement in die
Lehrlingsausbildung investiert und wie sowohl die Betriebe als auch
die jungen Menschen davon profitieren.
Sorgen um die gesellschaftliche Anerkennung der Lehre muss man sich schon seit einigen Jahren nicht mehr machen. Das Klischee von der imageträchtigen höheren Schulausbildung und der „weniger guten“ Lehre ist spätestens seit der Etablierung der Berufsmatura dort, wo es hingehört – in der Mottenkiste.
Alles eitel Wonne somit für die klassische praktische Berufsausbildung? Als Antwort taugt ein klares „Jein“. Denn gesellschaftliche Anerkennung ist das eine, die tatsächliche Motivation junger Menschen (bzw. deren Eltern/Lehrern) zur Lehre im Einzelfall doch etwas ganz anderes.
Mit einem Gespräch am „Runden Tisch“ in Trieben gingen die WOCHE und die steirische Industrie (Industriellenvereinigung und Sparte Industrie der Wirtschaftskammer) der Rolle der Lehre speziell in der heimischen Industrie auf den Grund. Gesprächsteilnehmer waren RHI-Geschäftsführer Gerhard Tomani, der Ausbildungsleiter der Maschinenfabrik Liezen Leopold Loitzl, RHI-Lehrlingsausbilder Christian Zepf, MFL-Lehrling Manuel Gruber, der frisch ausgelernte RHI-Elektrobetriebstechniker Florian Gindl sowie als Moderatoren Industrie-PR-Mann Martin Novak und WOCHE-Redaktionsleiter Karl Doppelhofer.
Vor fünf Jahren hat die steirische Industriellenvereinigung das Ausbildungsmodell Industrietechniker/in geschaffen, das für höchste fachliche Qualität und Top-Berufschancen bürgt. Denn ein/e Industrietechniker/in hat 1) eine abgeschlossene Lehrausbildung, 2) die Werkmeisterprüfung und 3) die Matura.
Einer, der das Industrietechniker-Diplom bald in Händen haltenn könnte, ist RHI-Lehrlingsausbilder Christian Zepf. Der 22-jährige Triebener hat Mechatroniker gelernt und die Werkmeisterschule absolviert. Derzeit arbeitet er am Berufsförderungsinstitut BFI in Rottenmann an der berufsbegleitenden Matura und absolviert auch eine technische Weiterbildung.
Der 17-jährige Manuel Gruber aus Ardning und der 18-jährige Florian Gindl aus Gaishorn sind auf ihrem Karriereweg auf Zepfs Fersen. Gruber ist derzeit im dritten Lehrjahr als Maschinenbautechniker in der Maschinenfabrik Liezen, Gindl hat vor kurzem die Lehrabschlussprüfung als Elektrobetriebstechniker mit Auszeichnung abgelegt.
Die Vorteile ihres Ausbildungsweges liegen für die beiden jungen Männer auf der Hand: Wer die Lehre absolviert und sich zudem für die Berufsmatura entscheidet, hat am Ende die gleichen Weiterbildungschancen wie nach der Oberstufe, aber auch schon eine handfeste Berufsausbildung. Was ein weiteres starkes Argument mit einschließt: Das eigene Geld, das ein Berufsmaturant im Gegensatz zum Schulmaturanten zum Zeitpunkt der Reifeprüfung schon verdient. Und gerade in der Industrie sind die Einkommen auf einem allemal gesunden Level.
Die ursprüngliche Motivation zur Lehre lag für Zepf, Gruber und Gindl aber schlicht im Inter-esse an der Technik. „Eine gesunde Neugier sollte man schon mitbringen“, bestätigt MFL-Ausbildungsleiter Leopold Loitzl. 62 junge Menschen stillen diese Neugier derzeit in der Lehrlingsausbildung der MFL, jedes Jahr werden 14 bis 18 neu aufgenommen. „Geeignete Kandidatinnen und Kandidaten zu finden ist leider schwierig geworden“, sagt Loitzl und wünscht sich von den Schulen bessere Berufsinformation. „Auf der Infomesse Jobmania in Liezen ist mir erst jüngst wieder aufgefallen, dass es schon einige sehr interessierte junge Leute und Eltern gibt, auch einzelne Lehrer sind durchaus engagiert. Daneben sieht man aber auch Schulklassen, die nur so pro forma durchgetrieben werden. Das finde ich schade“, sagt Loitzl. Weil vielen dadurch wichtige Info entgehe. „Bei uns hat nach der Lehrzeit zum Beispiel jeder zum Beruf auch den Kran- und den Staplerschein“, erklärt Loitzl, „das sind Dinge, die man sich sagen lassen sollte.“
Dass Pflichtschulabgänger/innen häufig in den Grundrechnungsarten versagen, ist ein altes Lied. Statt aber nur klagend einzustimmen, ist die Industrie in der Region längst dazu übergegangen, den jungen Leuten konkret zu helfen. Mit der Initiative „Bill“ haben sechs Betriebe aus dem Bezirk Liezen, unter ihnen die MFL und RHI, ein Qualitätsprogramm ins Leben gerufen, das punktuelle Schwächen ausgleichen soll. „Wir schauen, was die Schulabgänger/innen können, und wo wir feststellen, dass etwas fehlt, fordern wir von den Schulen ganz gezielt Nachbesserungen ein“, sagt Loitzl. RHI-Chef Tomani ergänzt: „Die jungen Leute nehmen das sehr positiv auf, weil sie erkennen, dass es sich um ein tolles Angebot handelt. Sie können selbst ja oft nichts dafür, wenn ihnen einzelne Lerninhalte fehlen – das Programm Bill ist daher keine Strafe, sondern eine Hilfe, und schafft Chancengleichheit.“ Mit Loitzl teilt Tomani einen großen Wunsch an die Politik: Dass die Bildungsdiskussion nicht nur auf den schulischen Bereich eingeschränkt bleiben möge. Denn dass es eben nicht nur eine schulische, sondern ganz wesentlich auch die berufliche Bildung gibt, wird im Gezerre um Schultypen und Bildungsstandards oft übersehen.
„Die Lehre ist ein solides Fundament, auf das ich getrost ein großes Haus bauen kann“, fasst RHI-Chef Tomani zusammen. Das starke Engagement für die Lehrlinge hat auch einen finanziellen Hintergrund, wie Tomani erläutert: „In die Ausbildung eines jungen Menschen investieren wir rund 90.000 Euro. Da soll alles passen und am Ende für beide Seiten etwas Gutes herauskommen. Die Lehre ist eine sehr nachhaltige Investition ins Unternehmen, wir haben die Aufnahme auch während der Krise nicht reduziert.“ Entsprechend groß ist auch das Interesse, die Leute nach der Lehrabschlussprüfung im Betrieb zu halten. „Wenn jemand mit Auszeichnung oder gutem Erfolg abschließt, sehen wir uns gemeinsam die weiteren Möglichkeiten an“, sagt Tomani. Ein Gespräch, das durchaus den Weg in Richtung Industrietechniker/in weisen kann.
Zwar gibt es auch die Möglichkeit, die Berufsreifeprüfung gleich parallel zur Lehre anzugehen (mit verlängerter Lehrzeit), Tomani hält den üblichen Weg (erst LAP, dann Maturakurs) aber für den besseren. „Eins nach dem anderen. Der Lehrling kann sich auf die einzelnen Schritte besser konzentrieren, außerdem ist so die praktische Basis viel besser gefestigt“, sagt Tomani. Bei RHI künftig sogar in einem neuen Beruf, wie der Chef erläutert: „In der Produktion bieten wir Keramiker als neuen Lehrberuf an.“
Fakten:
Industriebeschäftigung und Lehre in der Steiermark – Zahlen und Fakten:
• Arbeitsmarkt
Veränderung der Arbeitslosigkeit im Jahr 2010
Steiermark: – 10,9 %
Österreich: – 3,7 %
Wien: + 1,5 %
• Jugendliche und Lehrlinge
Veränderungen seit dem Jahr 2000
Zahl der 15-Jährigen in der Steiermark: – 10,1 %
Zahl der Industrielehrlinge in der Steiermark: + 12,1 %
Zahl aller Lehrlinge in der Steiermark: – 4,3 %
• Lehrlingsaufnahme Steiermark 2010
Industrielehrlinge im ersten Lehrjahr: 735
Im Vergleich zu 2009: + 6,2 %
• Behaltequote in der Industrie
5. Jahr nach der Lehrabschlussprüfung: mehr als 80 %
• Investitionen für die Lehrlingsausbildung in der Industrie: rund 90.000 Euro pro Lehrling
Die häufigsten 10 Lehrberufe in der steirischen Industrie
1. Maschinenbautechnik 602
2. Zerspanungstechnik 274
3. Mechatronik 216
4. Metalltechnik (versch. Schwerpunkte) 199
5. Elektrobetriebstechnik 156
6. Werkzeugbautechnik 143
7. Industriekaufmann/-frau 109
8. Produktionstechniker/-in 108
9. Elektromaschinentechnik 80
10. Elektrobetriebstechnik mit dem Schwerpunkt Prozessleittechnik 77
Rund 700 offene Lehrstellen gibt es in der Industrie steiermarkweit. Auf www.woche.at finden Sie den Link zur Lehrlingsdatenbank – geben Sie im Such-Fenster einfach die Webkennzahl 32820 ein.



