Fritz Grillitsch und die Zukunft

von Murtaler WOCHE aus Judenburg | am 12.01.2012 | 316 mal gelesen | 0 Kommentare | 0 Bildkommentare | 1 Bild
Fritz Grillitsch im Exklusivinterview mit der Murtaler Zeitung. Foto: Pfister

Der Rückzug aus dem Bauernbund ist kein Rückzug aus der Politik.

WOLFGANG PFISTER, HEINZ WALDHUBER

Nachdem er den ehemaligen SPD-Politiker Thilo Sarrazin, der mit seinem Buch „Deutschland schafft sich ab“ in Kritik geraten war, für einen Vortrag Ende September 2011 eingeladen hatte, war es innerhalb der ÖVP zu Protesten gekommen. So jedenfalls die „offizielle“ Lesordnung. Am 10. November 2011 trat der 52-jährige Murtaler Fritz Grillitsch als Präsident des Bauernbundes sowie als Vizeklubchef der ÖVP im Parlament zurück und gab bekannt, dass er das Nationalratsmandat bis zum Auslaufen der Legislaturperiode 2013 behalten werde. In den vergangenen acht Wochen herrschte „Funkstille“ rund um Fritz Grillitsch, den wir nun zu einem Interview gebeten haben.

MURTALER ZEITUNG: Ein bekanntes altes Volkslied erzählt davon, dass wahre Freundschaft nicht wanken soll. Ist Ihnen dieser Text in den vergangenen Wochen auch manchmal durch den Kopf gegangen?

Fritz Grillitsch: Ein schönes Lied, das treffend beschreibt, wie es sein soll, wenn es einmal nicht mehr so ist, wie es war. Ich habe trotz meines Rückzuges von der Spitze des Bauernbundes aus dem Kreise derer, die mich seit vielen Jahren begleiten, starke positive Signale erfahren. Von einigen wenigen Enttäuschungen abgesehen, hat mir diese Verbundenheit wieder einmal gezeigt, dass es über das eisglatte Parkett der Politik und des politischen Alltagsgeschäftes hinaus auch andere Werte gibt. Und dafür bin ich meinen vielen Freunden aus ganz Österreich sehr dankbar.

MZ: Seit Ihrem Rücktritt als Präsident des Österreichischen Bauernbundes Mitte November herrschte durch Wochen fast so etwas wie „Funkstille“. Was geschah während dieser Zeit?

Grillitsch: Die vergangenen Wochen habe ich genutzt, um mich gesundheitlich wieder auf Vordermann zu bringen, dazu kam neben Ruhe und Sport gleichermaßen auch eine gedankliche Ordnung der Dinge, wie man sie von Zeit zu Zeit immer wieder vornehmen soll. Das hat mir gutgetan und hat meinen Blick für die Zukunft geschärft. - Ich fühle mich wieder fit.

MZ: Sie sagen Blick nach vorne. Gibt es Ihrerseits keine kritische Rückschau oder Abrechnung? Schließlich war immer deutlich zu spüren, dass Ihr Abgang nicht ganz freiwillig erfolgte?

Grillitsch: Ich sage bewusst, dass nur ein in die Zukunft gerichteter Blick konstruktiv sein kann. Wenn Sie mich auf die Form des Rücktrittes ansprechen, räume ich gerne ein, dass es nach dem Abgang von Vizekanzler Josef Pröll, mit dem mich seit vielen Jahren eine enge persönliche Freundschaft verbindet, für mich nicht gerade leicht war, innerparteilich zu reüssieren. Dazu kam die Tatsache, dass ich nach zehn Jahren in der Position des Bauernbundpräsidenten zwar eine spannende, aber mindestens auch eine ebenso anstrengende und kräfteraubende Zeit verbrachte – ein Job, der mich vom Neusiedlersee bis zum Bodensee praktisch rund um die Uhr beanspruchte. Da kann es dann schon vorkommen, dass man in die eine oder andere Auseinandersetzung mehr Nerven und Substanz und weniger Kreativität investiert. Ein Zeitpunkt also, an dem man sich tatsächlich mit der Frage auseinandersetzen sollte, wie es in Zukunft weitergeht.

MZ: Unabhängig von den persönlichen und emotionellen Erfahrungen der letzten Monate, die Sie selbst auch als „kritische Zeit“ bezeichnen, müssen Sie doch auch eine sachliche Bilanz ziehen können?

Grillitsch: Mit der Agenda 2000, den neuen EU-Programmen bis 2013 und den vorbereitenden Maßnahmen für die Periode bis zum Jahr 2020 konnten wir im Wesentlichen für den ländlichen Raum und für die bäuerlichen Familien eine gute Grundlage schaffen. Ich habe mich in dieser Zeit auch immer bemüht, Partner für Österreich in anderen EU-Ländern zu gewinnen. Mit dem Fraktionsvorsitzenden der Europäischen Volkspartei im EU-Parlament, Josef Daul, und dem Präsidenten des deutschen Bauernverbandes, aber auch mit Persönlichkeiten wie dem Südtiroler Landeshauptmann Luis Durnwalder ist mir das gelungen. - Viele Initiativen konnten dank ihrer Unterstützung auf Schiene gebracht werden. Positiver Nebeneffekt: Sie alle haben auch das schöne Murtal in dieser Zeit kennen- und lieben gelernt.

MZ: Woraus sich gleich unsere nächste Frage ergibt: Werden wir diese prominenten Gäste auch in Zukunft wieder in der Region sehen?

Grillitsch: Ich denke schon, denn an meinen engen Kontakten zu diesen wichtigen Verantwortungsträgern hat sich auch nach meinem Rücktritt nichts geändert. Im Gegenteil, ich werde mich künftig noch stärker auf meine Heimatregion konzentrieren und versuchen, alle Netzwerke, die uns bisher zur Verfügung standen, auch für die Entwicklung der Obersteiermark zu nutzen. Sei dies nun in wirtschaftlicher, bildungspolitischer, kultureller oder infrastruktureller Hinsicht. Besonders im Fokus muss dabei die Jugend stehen, der wir in unserer Region auch ein auf die Zukunft orientiertes Leben bieten müssen – also neben berufsbezogenen neuen Ausbildungschancen auch neue Arbeitsplätze und Einkommen, aber auch eine adäquate Infrastruktur.

MZ: Sie haben erklärt, Ihr Abgeordnetenmandat vorerst bis 2013 auszuüben, das Jahr, in dem Nationalratswahlen anstehen. Gibt’s über diesen Zeitraum hinaus irgendwelche Prognosen, was Ihre weitere Tätigkeit betrifft?

Grillitsch: Grundsätzlich bin ich ein sehr politischer Mensch und politische Arbeit macht mir Freude. Daher werde ich mein steirisches Mandat, wie mit Hermann Schützenhöfer abgesprochen, weiter in Wien wahrnehmen. Ich muss aber einräumen, dass ich mir nach 2013 auch eine berufliche Tätigkeit vorstellen kann, die eine politische Arbeit ausschließt. Die nächste Zeit wird eine Reihe solcher Gespräche bringen, dann werden wir weitersehen. Bei all diesen Überlegungen darf auch nicht vergessen werden, dass mit den Wahlen 2013 die Karten völlig neu gemischt werden. Nicht nur, was künftige Regierungsformen betrifft, sondern auch die Parteien und die derzeit dort handelnden Personen.

MZ: Schließt das einen Wechsel von Fritz Grillitsch in eine andere Partei aus? In den vergangenen Wochen gab es auch Zeitungsberichte mit dieser Option.

Grillitsch: Dazu kann ich nur eines sagen, das sind Latrinengerüchte. Von mir selbst ist so etwas nie angedacht worden. Ich weiß, woher ich komme und wofür ich stehe, daher wird meine politische Heimat immer die Volkspartei sein. Was mich allerdings von anderen unterscheidet, ist die Tatsache, dass ich weder in der Vergangenheit noch in der Zukunft Berührungsängste mit politischen Mitbewerbern aus anderen Parteien habe. Gerade aus diesem Umstand heraus sind auch viele tragfähige Freundschaften und Beziehungen entstanden, die Kraft und Kompetenz geben, Lösungen für Probleme – ob regional oder darüber hinaus – zu finden. Mittlerweile kapieren ja immer mehr, dass wir alle in einem Boot sitzen und nur gemeinsam Positives schaffen können.

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