Die 90.000-Euro-Elite ist jeden Cent wert
Warum die heimische Industrie viel Geld und Engagement in die Lehrlingsausbildung investiert und wie sowohl die Betriebe als auch die jungen Menschen davon profitieren.
Sorgen um die gesellschaftliche Anerkennung der Lehre muss man sich schon seit einigen Jahren nicht mehr machen. Das Klischee von der imageträchtigen höheren Schulausbildung und der „weniger guten“ Lehre ist spätestens seit der Etablierung der Berufsmatura dort, wo es hingehört – in der Mottenkiste.
Alles eitel Wonne somit für die klassische praktische Berufsausbildung? Als Antwort taugt ein klares „Jein“. Denn gesellschaftliche Anerkennung ist das eine, die tatsächliche Motivation junger Menschen (bzw. deren Eltern/Lehrern) zur Lehre im Einzelfall doch etwas ganz anderes.
Mit einem Gespräch am „Runden Tisch“ in Kapfenberg gingen die WOCHE und die steirische Industrie (Industriellenvereinigung und Sparte Industrie der Wirtschaftskammer) der Rolle der Lehre speziell in der heimischen Industrie auf den Grund. Gesprächsteilnehmer waren Böhler-Edelstahl-Geschäftsführer und Industrie-Regionalsprecher Hans Weigand, Böhler-Ausbildungsleiter Richard Vadlja, Lehrlingsausbilder Harald Auer, die angehenden Industrietechniker Florian Peßl und Thomas Dornhofer sowie als Moderatoren Industrie-PR-Mann Martin Novak und WOCHE-Redaktionsleiter Karl Doppelhofer.
Stichwort Industrietechniker: Vor fünf Jahren hat die steirische Industriellenvereinigung unter diesem Titel ein Ausbildungsmodell geschaffen, das für höchste fachliche Qualität und Top-Berufschancen bürgt. Denn ein/e Industrietechniker/in hat 1) eine abgeschlossene Lehrausbildung, 2) die Werkmeisterprüfung und 3) die Matura.
Einer der ersten, die das Industrietechniker-Diplom in Händen hielten, war Böhler-Lehrlingsausbilder Harald Auer. Der 27-jährige Brucker hat die Gelegenheit ergriffen, gleich im allerersten Turnus mit dabei zu sein, den er vor ziemlich genau einem Jahr abgeschlossen hat. Von der „Freude an der Ausblidung“ spricht der gelernte Maschinenbautechniker sowohl in der Erinnerung an die eigene Lehrzeit als auch in Bezug auf seine heutige Tätigkeit als Lehrender.
Der 25-jährige Florian Peßl aus Gasen und der 23-jährige Thomas Dornhofer aus Stanz sind auf ihrem Karriereweg auf Auers Fersen. Beide haben im Jahr 2009 die Werkmeisterprüfung absolviert und arbeiten derzeit an der Berufsmatura. Mit ihrer Entscheidung für die Lehre sind die beiden jungen Männer ausgesprochen glücklich. „Auf jeden Fall! Wenn man etwas erreichen will, ist’s ein super Arbeitgeber“, antwortet Thomas Dornhofer auf die Frage, ob er einem 14-Jährigen die Lehre bei Böhler empfehlen würde. Kollege Florian Peßl pflichtet bei: „Wenn ich fertig bin, habe ich die gleichen Weiterbildungs-chancen wie nach der Oberstufe, gleichzeitig aber auch schon eine handfeste Berufsausbildung.“ Was ein weiteres starkes Argument mit einschließt: Das eigene Geld, das ein Berufsmaturant im Gegensatz zum Schulmaturanten zum Zeitpunkt der Reifeprüfung schon verdient. Und gerade in der Industrie sind die Einkommen auf einem allemal gesunden Level.
Die ursprüngliche Motivation zur Lehre lag für Auer, Peßl und Dornhofer aber schlicht im In-teresse an der Technik. „Eine gesunde Neugier sollte man schon mitbringen“, bestätigt Böhler-Ausbildungsleiter Richard Vadlja. 228 junge Menschen stillen diese Neugier derzeit in der Lehrlingswerkstätte von Böhler Edelstahl. „Neben den eigenen bilden wir auch die Lehrlinge von Partnerbetrieben wie Boehlerit, Böhler-Schmiedetechnik und der Brucker Voestalpine Austria Draht bei uns in Kapfenberg aus“, erklärt Vadlja. Allein Böhler-Edelstahl wird auch im heurigen Herbst wieder 80 neue Lehrlinge in neun verschiedenen Lehrberufen aufnehmen.
„Viele Firmen haben investiert und brauchen gut ausgebildete Fachkräfte“, sagt Böhler-Chef und Industriesprecher Hans Weigand. Mit Ausbildungsleiter Vadlja teilt er seine Wünsche an die Schulen, nämlich dass auf die Karrierechancen, die eine Lehre eröffnet, rechtzeitig hingewiesen wird, und dass sich grundlegende Ausbildungsstandards in Zukunft verbessern mögen.
Dass Pflichtschulabgänger/innen häufig in den Grundrechnungsarten versagen, ist ein altes Lied. Statt aber nur klagend einzustimmen, ist Böhler Edelstahl längst dazu übergegangen, den jungen Leuten konkret zu helfen. „Wenn wir sehen, da ist jemand engagiert und hat aber punktuelle Schwächen, dann bezahlen wir Nachhilfeunterricht“, sagt Weigand. In Mathematik zum Beispiel geschieht das sehr erfolgreich in Partnerschaft mit dem BFI.
Auch über ganz andere Schwierigkeiten will Böhler-Edelstahl den Lehrlingen hinweg helfen. „Wenn jemand aus der weiteren Umgebung, sagen wir aus dem Mariazellerland, sich für eine Lehre bei uns interessiert, dann scheitert es eventuell an der Entfernung bzw. den bescheidenen Verkehrsverbindungen“, sagt Weigand. Der Lösungsansatz: Böhler schafft Wohnmöglichkeiten für Lehrlinge in Kapfenberg. „Die jungen Leute sind betreut, können zum Beispiel am KSV-Trainingsprogramm teilnehmen, und vor allem: sie können in abgesichertem Umfeld ihre Wunschausbildung genießen“, sagt Weigand und fügt an: „Wir sind ein attraktiver Arbeitgeber und wollen das auch bleiben.“
Das starke Engagement für die Lehrlinge hat auch einen finanziellen Hintergrund, wie Weigand erläutert: „In die Ausbildung eines jungen Menschen investieren wir rund 90.000 Euro. Da soll alles passen und am Ende für beide Seiten etwas Gutes herauskommen.“ Entsprechend groß ist auch das Interesse, die Leute nach der Lehrabschlussprüfung im Betrieb zu halten. „Nach der LAP setzen wir uns mit jeder und jedem einzeln zusammen, um die weiteren Wünsche und Möglichkeiten auszuloten“, sagt Weigand. Manche seien zu diesem Zeitpunkt mit dem Erreichten schon zufrieden und fortan hervorragende Facharbeiter/innen, so der Geschäftsführer. Andere wollen mehr, und das kann je nach technischer und/oder kaufmännischer Weiterbildung vieles heißen: von der Führungsposition „daheim“ in Kapfenberg über Forschungs- und Entwicklungstätigkeit bis hin zu Vertrieb oder technischer Projektleitung auf internationalen Märkten wie Asien und Südamerika. Alles auf der einen soliden Basis, die auf gut Steirisch lautet: „G’lernt is’ g’lernt.“
Fakten:
Industriebeschäftigung und Lehre in der Steiermark – Zahlen und Fakten:
• Arbeitsmarkt
Veränderung der Arbeitslosigkeit im Jahr 2010
Steiermark: – 10,9 %
Österreich: – 3,7 %
Wien: + 1,5 %
• Jugendliche und Lehrlinge
Veränderungen seit dem Jahr 2000
Zahl der 15-Jährigen in der Steiermark: – 10,1 %
Zahl der Industrielehrlinge in der Steiermark: + 12,1 %
Zahl aller Lehrlinge in der Steiermark: – 4,3 %
• Lehrlingsaufnahme Steiermark 2010
Industrielehrlinge im ersten Lehrjahr: 735
Im Vergleich zu 2009: + 6,2 %
• Behaltequote in der Industrie
5. Jahr nach der Lehrabschlussprüfung: mehr als 80 %
• Investitionen für die Lehrlingsausbildung in der Industrie: rund 90.000 Euro pro Lehrling
Die häufigsten 10 Lehrberufe in der steirischen Industrie
1. Maschinenbautechnik 602
2. Zerspanungstechnik 274
3. Mechatronik 216
4. Metalltechnik (versch. Schwerpunkte) 199
5. Elektrobetriebstechnik 156
6. Werkzeugbautechnik 143
7. Industriekaufmann/-frau 109
8. Produktionstechniker/-in 108
9. Elektromaschinentechnik 80
10. Elektrobetriebstechnik mit dem Schwerpunkt Prozessleittechnik 77
Rund 700 offene Lehrstellen gibt es in der Industrie steiermarkweit. Auf www.woche.at finden Sie den Link zur Lehrlingsdatenbank – geben Sie im Such-Fenster einfach die Webkennzahl 32820 ein.


